Sergej Luk’janenko und ich: Eine Liebeserklärung

Wenn ich mir mein Bücherregal anschaue, ist die Farbgebung der Romane und Sachbücher oft heller, nur ein Brett ist mit durchgehend dunklen Buchrücken gefüllt. Hier finden sich fast sämtliche Romane einer der erfolgreichsten russischen Autoren der Gegenwart – Sergej Lukianenko, dessen Wächterreihe längst Kult ist (sowohl die Bücher als auch die Verfilmungen). Der Erzählkosmos des Science-Fiction- und Fantasyautors ist groß. Mal verschlägt es seine Charaktere als Weltraumpolizisten auf andere Planeten oder in virtuelle Realitäten, mal geht es um Drachen oder Vampire.

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Meine Liebe zu den Romanen des Autors entdeckte ich vor etwa 5 Jahren. Die literarische Science-Fiction-Welt der Gegenwart wird in meinem Empfinden fiktiv hauptsächlich von Gewinnertypen bestimmt, die im Ernstfall alles können. Nicht zu vergessen auch die klassische Menschheit-gegen-Alien-Handlung. In Lukianenkos Welten sind die Figuren hingegen oftmals gesellschaftliche Außenseiter oder agieren zumindest am Rand davon. Sie sind nicht unbedingt Sympathieträger, stolpern gerne mal unfreiwillig in gefährliche Situationen und werden selten durch Eigeninitiative aus diesen gerettet. Auffällig ist außerdem, dass sich der Autor teilweise vor spannenden Endkämpfen zu verschließen scheint. Gerne lässt er eine Szene abrupt enden und löst sie in der nächsten in/mit einem Gespräch auf. Dadurch wird die Handlung unvorhersehbarer, da die gängigen Spannungsmittel außer Kraft gesetzt werden.

Sergej Lukianenkos Darstellung des Geschehens in seinen Romanen ist oftmals eine sehr männliche. Die Helden sind meist Männer, während die Frauen häufig zu Begleitpersonen „degradiert“ werden. Den ein oder anderen Machospruch müssen die Leser*innen ebenfalls verkraften. Hat man sich erst einmal bewusst damit abgefunden, macht es dennoch sehr viel Spaß, den verschiedenen Romanideen zu folgen und in das Gefühlsleben der Figuren zu schauen, die von Lukianenko sehr lebendig gestaltet werden. Dass er Medizin studierte und anschließend als Psychologe arbeitete, spürt man definitiv. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist Lukianenkos Wissen über Philosophie, Geschichte und Politik, das er häufig einbindet. Gerade in der Wächter-Reihe findet man am Anfang jedes Kapitels Passagen, die eher dem Beginn eines philosophischen Essays gleichen. Teilweise kann das allerdings auch zu viel sein und die Handlung unnötig verzögern.

Quazi von Sergej Lukianenko
Sergej Lukianenkos aktueller Roman „Quazi“ (Heyne Verlag) ist ein moderner Zombieroman, der in Moskau spielt. Hier leben die Menschen nach der Apokalypse in geschützten Bereichen und versuchen, ihren Alltag zu leben. Alles schon einmal gelesen? Falsch! Denn Lukianenkos Untotenversion geht noch einen Schritt weiter: Hier werden diese nach einer unbestimmten Zeit „erhöht“ und zu vernunftbegabten Wesen, den „Quazi“, die unsterblich sind und sich fast schon menschlich verhalten. Lediglich die Fähigkeit, Emotionen zu empfinden, fehlt ihnen. So entsteht eine Gesellschaft, in der Selbstmorde an der Tagesordnung sind, denn die Menschen hoffen darauf, nach dem Tod schnell zu einem Quazi zu werden. Gleichzeitig werden Alte und Kranke unter großen Sicherheitsvorkehrungen entweder in der Familie gepflegt oder in Altersheimen versorgt, denn sie könnten nach ihrem Tod innerhalb kurzer Zeit zur größten Gefahr für ihr Umfeld werden. Dem Moskauer Polizisten Denis Simonow sind die Quazi zuwider, bis ihm mit Michail Bedrenez einer von ihnen als sein neuer Partner vorgestellt wird und er sich erstmals intensiver mit ihnen auseinandersetzen muss. Beide sollen in einem Fall ermitteln, der sich schnell zu einer großen Verschwörung entwickelt, die beide Seiten bedroht.  „Quazi“ ist ein moderner Krimi inmitten einer postapokalyptischen Welt, die permanent zwischen Normalität und Katastrophe schwankt.

Warum nun finde ich Sergej Lukianenkos Romane so toll? Ein paar Vorzüge und Nachteile habe ich ja bereits erläutert und nicht immer können mich seine Bücher überzeugen. Dennoch lässt sich mein Empfinden in zwei Stichworten zusammenfassen: Spaß und Spannung. Lukianenkos Romane bieten etwas Neues und Außergewöhnliches. Fast immer kann man sich darauf verlassen, dass die gängigen Elemente der Science-Fiction- und Fantasyliteratur gedreht und neu erfunden werden. Die leichte Sprache macht die Romane so zu einem idealen Begleiter für zwischendurch und jeder kann aus den verschiedenen Handlungen den passenden Titel ziehen. Zu meinen Lieblingen gehört übrigens der Weltengänger-Zweiteiler, in welchem die Figuren mit Hilfe von Türen in Paralleluniversen gelangen können oder „Die Ritter der vierzig Inseln“, in dem sich Jungen in einem abgegrenzten Areal gegenseitig bekriegen, ähnlich wie in William Goldings „Herr der Fliegen“. Manchmal wird es aber auch mir, beispielsweise mit „Drachenpfade“, zu fantasylastig.

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von Annika

 

Ein Kommentar zu „Sergej Luk’janenko und ich: Eine Liebeserklärung

Gib deinen ab

  1. Die Wächter-Reihe habe ich als Leserin gierig verschlungen und auch den Film zu dem ersten Teil sehr genossen. Tarantino-Trash als Sci-Fi. Da waren die Frauen nicht nur Staffage. Aber einige andere Bücher von ihm musste ich nach wenigen Kapiteln abbrechen. Zu sexistisch. Weltengänger kenne ich noch nicht. Werde es mir mal ansehen. Manchmal denke ich, dass es nicht nur ein Autor ist, sondern ein Autorenteam. Oder einer, der unglaublich produktiv ist und zu Stilwechseln neigt. Oder sind es vielleicht verschiedene Übersetzer*innen?

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