Über das Blond der Sonne

von Daniel Katscher

In seinem jüngsten, bisher umfangreichsten Roman Nepobedimoe Solnce schickt Viktor Pelevin eine Blondine auf die Suche nach dem Geheimnis aller Existenz. Neben antiker Mystik und der Frage nach dem Göttlichen betrachtet er nicht zuletzt auch herrschende Strukturen kritisch und setzt ganz nebenbei ein Zeichen für Toleranz.     

Viktor Pelevins 2020 erschienener Roman Nepobedimoe solnce (Unbesiegbare Sonne) handelt von nichts Geringerem als der Frage nach der Ursache und dem Wesen des menschlichen Seins. Dass die Frage nach göttlicher und menschlicher Existenz keine einfache ist, mag mit ein Grund dafür sein, dass Nepobedimoe solnce Pelevins bisher umfangreichster Roman ist. Pelevin, der seit den 1990er Jahren einer der meistgelesenen Schriftsteller Russlands ist und mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet wurde, gilt als bedeutender Vertreter des russischen Postmodernismus. Typisch für seine Romane und Erzählungen sind surreale und mystische Sujets. Ein zutiefst mystisch-religiöses Sujet ist es auch, das Nepobedimoe solnce zugrunde liegt.

„Aus all meinen Moskauer Bekannten ist irgendwas geworden: Yogalehrer, Musiker, Künstlerin, Dealer, Maîtresse, Maîtresse und noch eine Maîtresse…“

Saša Orlova ist blond, soeben dreißig geworden und – als Tochter eines Moskauer Nudelkönigs – in der glücklichen Position, ein unbekümmertes Leben führen zu können, ohne die Notwendigkeit, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Ihre Zeit verbringt Saša unter anderem damit, Bühnendekorationen für ein Ballettstück (Schrödingers Katze und der Schmetterling Zhuangzi im Dickicht des Grases des Vergessens), in dem sie den Ersatzschmetterling tanzt, anzufertigen oder sich mit indischen Philosophien und Praktiken zu beschäftigen. Nachdem Saša von ihrem Vater zum dreißigsten Geburtstag 30.000 Euro für eine Reise geschenkt bekommt (nicht ganz ohne Hintergedanken, Saša soll schließlich ihren Horizont über den eines Ersatzschmetterlings hinaus erweitern), sagt sie sofort zu. Saša glaubt an Symbole und Zeichen und lässt sich von diesen leiten. Umso mehr, nachdem ihr auf einer Indien-Reise auf dem heiligen Berg Arunachala – so glaubt sie – Shiva erschienen ist.

„Ich möchte dich treffen, tanzender Gott,“ – dachte ich begeistert und freudig – „dir so nahe kommen, wie nur möglich. Zeig‘ dich mir, wie du willst… Zeig‘, dass du kannst… Bitte, bitte…“

Nepobedimoe Solnce ist gespickt mit Symbolen, deren Bedeutung sich nicht gleich erschließt, etwa am Beginn jedes Kapitels. Symbole sind es auch, die Sašas Reise maßgeblich bestimmen, und nachdem sie in einem Café ein Panorama von Istanbul sieht, beginnt sie dort ihre Reise. In der Hagia Sophia lernt sie schließlich So (Sof′ja) kennen; eine Russin, die mit ihrem amerikanischen Mann Tim, auf einer Yacht lebt. So macht Saša mit ihren Kindern und deren Freund_innen bekannt, einer Gruppe junger Leute, die mittels anarchistischer Emojis die Welt verändern wollen. Nicht ganz Teil dieser Gruppe ist Frank, der sich Saša als nekroempathischer Historiker vorstellt und auf den Spuren Caracallas wandelt, wobei er versucht, sich in diesen hineinzuversetzen und sogar Kleidung und Frisur dem römischen Kaiser nachempfindet. Frank verlässt mit Saša die Yacht und kommt in ihrem Hotelzimmer unter.

Spuren der Antike – in all ihrer Pracht und ihrem Grauen

Pelevins Roman nimmt eine Wendung, als Saša im Hotelzimmer eine antike Maske aus Elektron mit einem Mond auf der Stirn findet und diese, wie durch eine höhere Macht geleitet, ohne nachzudenken aufsetzt. Daraufhin setzt Frank sich eine analoge Maske, mit einer Sonne auf der Stirn, auf und erzählt ihr Caracallas Geschichte, ganz so, als hätte er sie selbst erlebt. Er erzählt davon, dass Caracalla sich als Sonnengott sah und sich nach der Vereinigung mit dem Mond sehnte, weshalb er sich auf den Weg nach Carrhae machte, wo der wichtigste dem Mond geweihte Tempel stand. Saša schläft während der Erzählung ein und sieht das Erzählte lebendig vor sich wie einen Film. Die beiden beginnen ein Verhältnis und beschließen, gemeinsam nach Carrhae, in das heutige Harran, zu reisen.
Pelevin schafft es, immer wieder aufs Neue zu überraschen –  sei es durch originelle Romanfiguren oder durch unerwartete Wendungen.

Handlungsunfähig im Angesicht des Verderbens

Offenbar geleitet vom Göttlichen stellt Saša das Geschehende nicht in Frage. Zwar äußert die Protagonistin durchaus in bestimmten Situationen ihre Ablehnung, handelt jedoch selten aktiv. Auch in Carrhae, wo Saša das Gefühl einer uralten Sünde beschleicht, tut sie ihr Unbehagen kund und sagt, ihr gefiele es hier nicht, tut aber letzten Endes nichts, um das drohende Ungemach abzuwenden. So kommt es, dass Frank, als er sich auf der Suche nach einer Toilette vom gemeinsamen Mietwagen entfernt, ermordet wird. Erst nach diesem Schicksalsschlag informiert sich Saša im Internet über Caracalla und erfährt, dass auch dieser auf dem Weg nach Carrhae austreten musste, wobei er auf die gleiche Art und Weise wie Frank erdolcht wurde.

Nichts ist so, wie es zu sein schien

Saša kehrt zurück nach Istanbul, wo sie erfährt, dass Tim und So in Wirklichkeit einem antiken göttlichen Stein dienen, in dessen Auftrag auch Frank gehandelt hat, und der durch die beiden Masken Einblicke in frühere Leben gewährt. Nach dem Tod Franks liegt es an Saša, sich auf die Suche nach dem Soltator zu machen, also der Person, die durch Tanz mit dem Sonnengott Elagabal sprechen und das Schicksal der Welt steuern kann. Indem sie die beiden Masken abwechselnd im Schlaf trägt, erfährt Saša aus dem Leben des römischen Kaisers Elagabalus, der als Hohepriester Elagabals durch rituellen Tanz mit den Göttern kommunizierte, römischer Kaiser wurde und ebenfalls durch Tanz über das Schicksal des Universums bestimmen sollte. Saša macht sich auf die Suche nach dem Soltator und, obwohl sie fühlt, dass Unheil droht, führt sie ihre Suche weiter, da sie weiß, dass das ihre Bestimmung ist.

Realität und Fiktion als großes Ganzes

Pelevin weiß gekonnt, seine Figuren zu gestalten, ja gar das alte Rom aus der Perspektive Carcallas oder Elagabalus‘ neuzuerrichten. Nepobedimoe Solnce trägt mitunter starke Züge eines historischen Romans. In diesen historischen Fragmenten (und nicht nur dort) stellt Pelevin nicht nur profunde Geschichtskenntnisse unter Beweis; hier zeigt sich auch sein Talent zur Recherche. Jedes noch so kleine Detail, seien es das exakte Aussehen des aureus sol invictus, einer Goldmünze, des kubanischen Hotels Aguas Azules oder auch religionsphilosophische Konzepte, entspricht in der Beschreibung auch nach eingehender Recherche der jeweiligen realen Vorlage und hinterlässt den Eindruck, Pelevins Fiktion könne ebenso nonfiktionale Narration sein. Eingebettet in den Text finden sich auch immer wieder Verweise auf Musikstücke, wodurch es ein Leichtes ist, auch akustisch vollkommen in den Roman einzutauchen. Pelevin verwebt Realhistorisches mit Geträumtem und Erlebtem. Heraus kommt ein stimmiges, einheitliches Werk; er entführt in eine Realität, die nur so strotzt vor Mystik, und die bestimmt ist von der Suche nach dem Göttlichen im Menschen.

Corona als eine göttliche Erscheinung

Nicht zuletzt stellt Pelevin auch einen direkten Konnex zur Gegenwart her, indem er in Bangkok Menschen in Schutzmasken in Erscheinung treten lässt, was jedoch nicht als beiläufiges Detail zu sehen ist; vielmehr liefert Pelevin damit eine (göttliche) Ursache für die Corona-Pandemie (ohne jedoch wissenschaftliche Erkenntnisse in Abrede zu stellen). Pelevin schafft es, den Zwiespalt zwischen Göttlichem und Hokuspokus auszuräumen und selbst abgebrühtesten Atheisten eine spannende und abwechslungsreiche Lektüre zu bieten. Dabei weiß er seine Sprache effektvoll einzusetzen. Nepobedimoe solnce ist bisweilen verstörend, wenn es etwa um antike Rituale geht, an anderer Stelle wiederum beruhigend, liefert Pelevin doch eine Begründung für so vieles, was der Menschheit bisher verborgen blieb. Neben dem Mystisch-Göttlichen, das die wohl wichtigste Rolle spielt, misst Pelevin auch dem Politischen einige Bedeutung bei. So ist in Gesprächen zwischen unterschiedlichen Romanfiguren nicht selten Politik das Thema und, obwohl die Positionen eines Autors nicht zwingend mit denen seiner Figuren übereinstimmen müssen, macht Pelevin aus seinen politischen Ansichten keinen Hehl. Einigermaßen ungefiltert scheinen nonkonformistische Ansichten und Standpunkte zur aktuellen russischen Politik durch seine Figuren hindurch.

„Hätte ich etwas anderes gehört, hätte ich etwas anderes nachgeplappert. Ich bin eine Blondine.“

Feminismus und sexuelle Freiheit spielen in Nepodimoe solnce eine nicht unwesentliche Rolle. Mit viel Selbstironie und Humor (in bester Tradition des Skaz) spricht die Protagonistin über das Patriarchat, über überholte Rollenbilder. Immer wieder beschreibt sie sich als прогрессивная девушка (fortschrittliches Mädel), macht zugleich aber auch nicht halt vor Kritik an der woke-Bewegung. Dass Pelevin keine Berührungsängste mit sexuellen Minderheiten hat, beweist er aufs Neue, etwa durch Kendra, eine transgender Buddhistin, die auch Bewunderung durch Saša erfährt. Saša selbst wird als bisexuell dargestellt und auch der junge Elagabalus, der sich wie auch sein Lehrer Gannis schminkt, zeigt Tendenzen zur Transsexualität. Ganz im Geiste der Antike spielt Pelevin mit Geschlechterrollen, sexueller Orientierung und sexuellen Präferenzen.

Überzeugend – humorvoll – kritisch

Pelevin gelingt es, auf voller Linie zu überzeugen, was nicht nur an peinlich genau recherchierten Hintergrundinformationen liegt. Durch sympathische, humorvolle Charaktere und Sujets gibt er nicht nur Einblick in die Antike und in diverse politische Diskurse; er schafft es auch, in seinem sehr umfangreichen Roman die Spannung aufrechtzuerhalten, um in einem unerwarteten Höhepunkt zu gipfeln.
Nepobedimoe solnce hat eine ungemeine Strahlkraft, nicht nur auf eingefleischte Pelevin-Fans.

Übersetzungen: Daniel Katscher

Pelevin, Viktor: Nepobedimoe solnce. Moskva 2020.

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