Rezension: Ignacy Karpowicz – „Sonka“

produkt-10002760Nicht schon wieder eine deutsch-polnische Liebesgeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der noch ein bisschen Vergangenheitsbewältigung steckt und die nur so vor Klischees trieft. Dies zumindest könnte man nach dem Lesen des Klappentextes des 2017 in deutscher Übersetzung beim Berlin Verlag erschienenen Romans „Sonka“ denken. Trotz möglicher Voreingenommenheit wird sich der Leser glücklich schätzen, diesen Überraschungsroman gelesen zu haben.

Igor/Ignacy, ein wohlstandsverwöhnter und sinnsuchender Theaterregisseur aus der großen Hauptstadt Warschau, bleibt mit einer Autopanne mitten im Nirgendwo stehen. Dieses Nirgendwo befindet sich in der polnischen Wojewodschaft Podlachien, einem dünn besiedelten Landstrich an der Grenze zu Weißrussland, der sich vor allem durch seine Multikulturalität und Vielsprachigkeit auszeichnet und nicht mehr ins mittlerweile als homogen propagierte Polen passen will.

Dieses Nirgendwo – jahrhundertlange Heimat für Minderheiten von Juden, Tartaren, Orthodoxen – ist der Schauplatz, an dem Igor auf die belarussische Bäuerin Sonka/Sonia trifft, die wie aus einer komplett anderen Zeit gefallen zu sein scheint.

„… die Geschichte ist den Menschen immer Feind. Den Menschen – und besonders den Frauen.“

Aus der Zufallsbegegnung dieses gegensätzlichen Paares wird eine Reise in die Vergangenheit mehrerer Länder, einer vergessenen Region und einer Zeit, in der eine Frau nicht mehr wert war als das Schwein im Stall. Eine Zeit, die den Menschen und insbesondere den Frauen, euphemistisch formuliert, nicht wohlgesinnt war. Schnell wird klar, dass die Liebesgeschichte Sonias zum deutschen SS-Soldaten Joachim nur eine Randnotiz ist und für eine größere Erkenntnis stehen soll. Der Erkenntnis, dass die polnische Opferrolle, die sich dieses Land nicht erst seit Ende des Zweiten Weltkrieges in einem ewigen Mantra selbst auferlegt, sich nicht ganz mit den historischen Tatsachen und den damaligen Lebenswirklichkeiten der Menschen deckt. Ein Weltbild vor allem, das über ein schwarz-weißes Geschichtsverständnis hinausgeht und auf jegliche Gefühlsduselei verzichtet.

„Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“

Ignacy Karpowicz ist ein in Polen preisgekrönter Autor, der mit all seinen Werken für die Nike nominiert war – dem wohl wichtigsten polnischen Literaturpreis. In der deutschen Literaturlandschaft ist Karpowicz noch weitestgehend unbekannt und „Sonka“ ist bisher auch die einzige deutsche Übersetzung des Schriftstellers, auf die aber hoffentlich noch weitere folgen werden.

Bei einer Lesung Mitte September in der polnischen Buchhandlung buchIbund in Berlin-Neukölln erzählte der aus Białystok stammende Autor, dass Sonia keine Gestalt seiner Fantasie sei, sondern tatsächlich existiert habe, er aber ihre Geschichte erst nach ihrem Tod niederschreiben wollte. Genau wie der Ignacy im Roman, der nach dem Tod Sonias aus einer fast verlorenen Lebensgeschichte ein Bühnenstück konzipiert und damit seine innere Leere zu füllen versucht. Übrigens nur eine von vielen Parallelen zwischen dem Erzähler und dem Schriftsteller.

Gefragt, woraus sein Roman besteht, antwortete Karpowicz „aus Blut, Chaos, Sperma, Schweiß“. Es ist ein Roman, der auf die Grundbedürfnisse des Menschen heruntergebrochen ist, sowohl in seiner schönsten als auch in seiner dunkelsten Ausprägung. Karpowicz wollte keine falschen Gefühle im Leser erzeugen, keine „Tränen herausdrücken“, aber dafür die Mechanismen des Leidens aufzeigen. Diese Mechanismen des Leidens werden durch Sonia verkörpert, die ohne Selbstmitleid auf ein Leben aus Gewalt, einmal gefundener und ein anderes Mal nicht erwiderter Liebe, Lüge und eigenen Verfehlungen zurückblickt.

Die Mehrsprachigkeit und Multikulturalität Podlachiens, die sich in der Sprache der Geschichte niederschlägt, kommt in der deutschen Übersetzung leider nicht durch, da nur wenige Begriffe im belarussischen Original bzw. im Original des typischen Mischdialekts dieser Region belassen wurden. Trotzdem hat Katharina Kowarczyk eine hervorragende Übersetzungsarbeit geleistet und den distanzierten und nüchternen Ton des Autors vortrefflich transportiert.

von Sandra

Ignacy Karpowicz (2017): Sonka. Aus dem Polnischen von Katharina Kowarczyk. Berlin Verlag.

 

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